Muster einer Zeugnisanalyse
(Anmerkung: Bis auf einen – hier nicht abgedruckten – Standard-Einleitungs- und –Schlussabsatz werden alle Details einer solchen Analyse individuell geschrieben, wir arbeiten nicht mit Textbausteinen.)
Analyse
Das vorgelegte Zeugnisdokument identifiziert zunächst den ehemaligen Mitarbeiter, nennt dann sein Eintrittsdatum und seine Einstiegsposition. Es beschreibt eine nur zweijährige Dienstzeit, die für eine Führungsposition in jedem Fall auffallend kurz ist. Mit seinen zwei Seiten Länge ist das Dokument unter diesem Aspekt noch erfreulich lang geraten und zeugt von einer gewissen Mühe, die der Arbeitgeber sich trotz dieses Umstandes gegeben hat (ein extrem kurzes Zeugnis würde demgegenüber den negativen Aspekt der kurzen Dienstzeit noch zusätzlich verstärken und durch seine zwangsläufig kurzen und knappen Formulierungen eher weitere Fragen aufwerfen als beantworten).
Das Dokument beschreibt dann die näheren organisatorischen Gegebenheiten im Umfeld der Position und schildert nachfolgend in einer sorgfältigen Aufzählung Details des Aufgabengebietes. Mit diesem Grundaufbau folgt es üblichen Gepflogenheiten. Auch der Führungsumfang (Anzahl der unterstellten Mitarbeiter) wird präzise beschrieben – insgesamt vermitteln diese rein sachlichen Darstellungen ein sehr gutes Bild der Position und des Verantwortungsumfanges sowie des Aufgabenbereiches.
Der danach folgende Absatz zählt auf, welche Anforderungen sich aus diesem Aufgabenspektrum ergaben. Diese Aufzählung ist einleuchtend – es wird jedoch nicht gesagt, ob der beurteilte Mitarbeiter diesen Anforderungen auch gerecht geworden ist. Hier tauchen beim Leser erste Zweifel auf!
Im nachfolgenden Absatz wird der Mitarbeiter als „erfahrener, kompetenter Fachmann” geschildert – damit wird der Leser den Aspekt der rein fachlichen Qualifikation als positiv beurteilt abhaken können.
Der nächste Satz enthält Einzelwertungen. So sei der Mitarbeiter „engagiert“ gewesen, habe nach hohen Qualitätsmaßstäben gearbeitet und seine Aufgaben „gut durchdacht erledigt”. Das liegt unterhalb einer möglichen „Begeisterungsschwelle”. Außerdem vermeidet der Arbeitgeber hier die Aussage, dass die Arbeit wirklich „gut” erledigt wurde. Engagiert zu sein, ist eine positive Aussage, sie beweist allein aber gar nichts. Man kann auch engagiert viele Fehler machen oder am Ziel vorbei operieren. Schließlich wirkt die Konstruktion, man habe seine Aufgaben „gut durchdacht erledigt” doch ein wenig bewusst an der Aussage vorbei geschrieben, man habe seine Aufgaben einfach gut erledigt. Ein leitender Mitarbeiter wird nicht dafür bezahlt, dass er seine Aufgaben gut durchdenkt, dies gilt als selbstverständlich. Die Frage ist, wie gut die von ihm präsentierten Lösungen sind. Dazu sagt dieser Satz nichts.
In dem wichtigen Absatz über die Führung des unterstellten Apparates wird auf das hohe Anspruchsniveau dieses Mannes gegenüber seinen unterstellten Mitarbeitern verwiesen. Dies allein beweist natürlich nichts und sagt nichts über das Ergebnis dieser Bemühungen. Es wird weiter ausgeführt, die hier beurteilte Führungskraft habe ihren Mitarbeitern „wohlwollend fördernd” gegenübergestanden. Da man schon wegen der kurzen Beschäftigungsdauer nach Ursachen für Probleme sucht, wird man durchaus auch folgende Interpretation durchdenken: Dieser Mann könnte seinen Mitarbeitern gegenüber als „zu weich“ eingeschätzt worden sein, zu stark auf das Wohlwollen gegenüber den Mitarbeitern und auf ihre Förderung ausgerichtet. Indiz dafür ist auch, dass nichts darüber gesagt ist, wie hoch denn der Leistungsstand der Abteilung war und welche Ergebnisse diese Art der Führung gezeigt hat.
Im Kontakt mit anderen Abteilungen des Unternehmens wird diesem Mitarbeiter Konfliktbereitschaft bescheinigt, die allerdings durchaus zum Nutzen der Sache gewesen sei. Da Zeugnisse nach den entsprechenden rechtlichen Vorgaben im kritischen Bereich niemals eindeutig negativ sein dürfen, wird man immer auf Spekulationen angewiesen sein. Die Erfahrung lehrt, dass die ausdrücklich erwähnte Konfliktbereitschaft durchaus ein Hinweis sein kann, damit hätte der hier beschriebene Mitarbeiter es übertrieben. Schließlich ist Konfliktbereitschaft etwas anderes als die Fähigkeit, mit den zwangsläufig aufkommenden Konflikten sachlich und überzeugend umzugehen.
In der Kernaussage, dem Satz mit der Zufriedenheit, findet das Dokument zu der Formulierung „zu unserer vollen Zufriedenheit“. Das ist nach allgemeiner Auffassung nicht mehr als eine „befriedigende“ Note nach Schulsystem. Diese Note deckt sich mit den Interpretationen der Einzelformulierungen, die doch häufig Fragen aufwerfen, klare Antworten vermeiden und Zweifel anklingen lassen.
An der Stelle, an der Zeugnisse gemeinhin das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern würdigen, wird hier nur das Verhalten gegenüber Vorgesetzten ausdrücklich erwähnt, die anderen Gruppen kommen dann nicht mehr vor. Dieses Verhalten wird eindeutig gelobt.
Damit ergibt sich folgendes Bild: Gesamtwertung nur befriedigend, diverse Einzelformulierungen mit entsprechenden Einschränkungen. Unterstellten Mitarbeitern gegenüber war dieser Mann vermutlich (zu?) weich und nachsichtig, gegenüber Kollegen gab es eine erkennbare Konfliktbereitschaft (Ärger?). Gegenüber Vorgesetzten jedoch war sein Verhalten tadellos.
Am Schluss wird das Ausscheiden auf eigenen Wunsch bescheinigt, dieser Schritt wird nicht bedauert. Bei den abschließenden Wünschen für die Zukunft (die grundsätzlich nur Formalcharakter haben) steht die „persönliche” vor der „beruflichen” Zukunft. Dies ist häufig (keineswegs automatisch immer!) ein Hinweis darauf, dass Ursachen für mögliche Probleme (vielleicht auch für das extrem frühe Ausscheiden) im Bereich der Persönlichkeit oder der persönlichen Lebensumstände des Mitarbeiters gelegen haben könnten.
Insgesamt ergibt sich aus diesem Dokument kein überzeugend positives Bild einer Führungskraft, die man ohne jeden Zweifel und uneingeschränkt gern wieder in neuen Positionen dieser Art einsetzen würde. Zwar ist entsprechend der rechtlichen Gegebenheiten an keiner Stelle nachweisbar wirklich Negatives gesagt worden – die hier gewählte übliche Form der „Nuancierung des Positiven“ lässt jedoch genügend Zweifel auftauchen, um Bewerbungsleser, die mit diesem Dokument konfrontiert werden, zu einer vorsichtigen Einschätzung der persönlichen Qualifikation zu bewegen.
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